Halbzeit

Vor ein paar Tagen war genau die Hälfte meines Abenteuers vorbei. Diese Gelegenheit möchte ich nutzen um euch einen persönlicheren 6-monatigen Rückblick zu geben und euch meine Gedanken/Gefühle und Erfahrungen mitzuteilen. Im letzten halben Jahr gab es Tage, an denen ich gehofft habe, die Hälfte würde endlich um sein und es gab Tage, an denen ich mir wünschte, ich hätte mehr Zeit in den USA.

Aber fangen wir von vorne an:
Um meinen Rückblick zu beginnen möchte ich mit dem Sprichwort „es ist nicht alles Gold was glänzt“ beginnen. Wenn man sich meinen blog oder auch die blogs der anderen Teilnehmer anschaut, werdet ihr viele schöne, interessante, spannende und wahrscheinlich beneidenswerte Beiträge zu Gesicht bekommen.
Wir Teilnehmer verfassen größtenteils Beiträge über besondere Ereignisse oder Reisen, jedoch besteht das Jahr aus 365 Tagen und nicht jeder Tag ist spannend, aufregend oder gar beneidenswert. Nein, es gibt und gab einige Tage, an denen ich mir wünschte daheim zu sein – in meiner gewohnten, komfortablen Umgebung.
Das Austauschjahr fing super spannend und aufregend an. Es ging nach New York City – mein Traum wurde war! Alles war größer, lauter, voller, aufregender. Der kleine Junge aus seinem 230 Einwohnerdörfchen stand plötzlich in der 9. größten Stadt der Welt, die fast 8,5 Mio. Einwohner beherbergt und das zusammen mit 74 anderen jungen Erwachsenen, die genauso aus den Socken gehauen waren. Danach ging die Reise weiter nach New Jersey bevor Anna und ich in Tucson landeten.
Tausend neue Eindrücke prasseln auf einen ein. Man machte sich Sorgen und Gedanken über jede Kleinigkeit. Die Stadt war neu, das College war neu, die Gastfamilie war neu und ja, das ganze Land war neu. Trotzalledem habe ich es vom ersten Tag an genossen und bin ziemlich sorgenfrei in das Auslandsjahr gestartet.
Anfangs habe ich viel Zeit mit Anna verbracht. Das College begann erst Wochen später und ich kannte ja noch niemanden, genauso wie sie – und das war auch schon die erste Hürde. Wie macht man sich neue Freunde in einem fremden Land, indem niemand meine Sprache spricht und mein englisch auch nicht gerade das Beste ist?
Wir traten in einigen clubs am College bei. Hier sitzen zumindest alle im selben Boot – kann ja nicht so schwierig sein jemanden kennen zu lernen, oder? Doch!
Sobald der club Veranstaltungen organisierte, nahmen wir daran Teil. Jedoch fiel es schwer mit anderen in Kontakt zu treten. Man kannte sich untereinander kaum und Deutsche sind ansich (im Vergleich zu Amerikaner) zurückhaltender. Man unternahm also hin und wieder etwas mit anderen Jugendlichen aus unterschiedlichen Teilen der Welt und machte sich langsam Freunde – sehr langsam. Am College selbst wirkte es so, als wolle niemand wirklich neue Bekanntschaften machen. Die Klassenkameraden kamen in den Unterricht, verfolgten diesen und verließen die Klasse danach blitzschnell – wahrscheinlich um zur nächsten Stunde pünktlich zu erscheinen. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis ich neue Freunde gefunden hatte. Währenddessen feierten meine Freunde in der Heimat einige Partys – ich saß zur selben Zeit oft zu Hause. Feiern unter 21? nicht in den USA.
Nach einer gewissen Zeit baute man sich jedoch einen Freundeskreis auf und lernte immer mehr und mehr neue Leute kennen. Was ich in den Anfangswochen ohne Anna gemacht hätte? Ich weiß es nicht… Mitlwerweile kenne ich einige Leute und habe Freunde aus unterschiedlichen Teilen der Welt mit denen ich viel unternehmen kann.

Ein anderer Traum von mir war und ist immer noch das viele Reisen. Ich habe schon einige Teile in den USA erkunden können. Angefangen in New York über New Jersey bis zu meinem Platzierungsort Tucson von dem es nach Los Angeles, Denver, Dallas, Miami, Las Vegas, San Diego, dem Grand Canyon, einigen anderen Städten in Arizona und Mexiko ging. Und ja, ich genieße es und ich bin froh, dass mir diese Möglichkeit des Reisens gegeben wird. Meine Reiselust ist definitiv noch nicht gesättigt aber auch hier muss ich erwähnen, dass ich das Reisen größtenteils genossen habe, da ich mit Freunden unterwegs war. Jede Reise hat Spaß gemacht und war auf seine Art besonders, jedoch wäre keine der Ausflüge so besonders gewesen, wenn ich nicht solch gute Freunde, die ich während des Programmes gemacht habe, an meiner Seite gehabt hätte. Es wäre definitiv auch interessant gewesen, die National Parks und Städte alleine zu erkunden aber jede Millionenstadt wiederholt sich in einer gewissen Weise und es hätte nur einen geringen Unterschied gemacht, ob ich mit Freunden in Dallas oder Berlin Urlaub gemacht hätte. Denn es geht nicht immer darum welche Stadt man erkundet, viel mehr geht es darum mit wem man reist.

Dies ist etwas, dass ich zu schätzen gelernt habe, gute Freunde und eine Familie auf die man vertrauen kann.
Ich habe mich definitiv verändert, ich habe gelernt Dinge schätzen zu lernen, die für mich vor 6 Monaten selbstverständlich waren. Ich bin gewachsen und ich rede nicht von meiner 191cm Körpergröße, ich rede von meiner Persönlichkeit. Ich bin selbstständiger geworden und habe gelernt Probleme selbst anzupacken und nicht auf den Rat von Mama und Papa zu hoffen, denn diese befinden sich im über 9000km entfernten Tietelsen. Ich habe mich mit Problemen und Schwierigkeiten auseinandergesetzt, von denen ich noch nichtmals meinen engsten Freunden erzählt habe, denn dieses Jahr ist MEIN Jahr. Ich habe gelernt aus mir herauszukommen und Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Ich lebe in den Tag hinein ohne mir Gedanken zu machen, was andere über mich denken, denn hier kennt mich ja niemand. Ganz anders sieht es in meinem kleinen Heimatdörfchen aus.
Ich habe zu schätzen gelernt wie gut es mir/uns in Deutschland eigentlich geht. Wir haben nicht nur gebührenfreie Unis, nein wir bekommen sogar noch Geld von der Regierung in Form von Bafög dazugesteuert um das Studium zu finanzieren. In Deutschland muss kein Student einen Kredit aufnehmen oder niemand die Uni mit 20.000$ Schulden verlassen, was hier häufig der Fall ist. Trotz alledem gibt es viele Griesgräme daheim die nur am stönen sind, wie schlecht doch alles ist und wie die Regierung versagt hat. In den USA bin ich nur selten auf Menschen gestoßen, die sich über ihr Leben beklagen. Auf die Frage „how are you“ folgt immer ein „good or great“, auch wenn man den Personen ansieht, dass die Stimmung alles andere als great ist. Die Menschen hier haben meiner Meinung nach eine viel positivere Einstellung als in Deutschland. Anfangs war es ziemlich gewöhnungsbedürftig, dass alles und jenes „awesome“ ist und man sich oft für Kleinigkeiten ausgiebig bedankt, aber mitlerweile bin ich der Meinung, dass dies die Stimmung untereinander deutlich hebt.

Ein Austauschjahr hat definitiv Vor- und Nachteile, wobei die Vorteile stark überwiegen. Ja, es gab einige schwierige Tage in Tucson aber überwiegend „sonnige“, schöne Tage. Das erste halbe Jahr hat mir gezeigt was ich aus eigener Kraft schaffen kann und ich werde noch einiges mehr erreichen. Jede einzelne Erfahrung bringt mich weiter und ich bin unheimlich dankbar, dass ich dieses Jahr erleben kann, denn es wird mich und Menschen in meiner Umgebung prägen. Nun ist die zweite Hälfte angebrochen und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diese Hälfte des Jahres mindestens genauso, wenn nicht sogar noch mehr genießen werde als die erste.

 

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